The Beginning Of The End…?

Status Quo

10.11.2016, Last Night Of The Electrics-Tour 2016, Barclaycard Arena, Hamburg

Musikalische Früherziehung sah bei uns vor zig Jahren so aus, dass wir mit unseren Söhnen, kaum dass sie alt genug waren, ein Open-Air-Konzert besuchten. Im Stadtpark in Hamburg sahen wir gemeinsam Status Quo. Ich bin nach wie vor der Meinung, es kann für Kinder als Einstieg in die Rockmusik schlechtere Bands geben.

Als Status Quo dann im letzten Jahr bekanntgaben, dass sie 2016 auf ihre allerletzte elektrisch verstärkte Live-Tour gehen werden, war es deshalb fast sofort klar, dass wird ein Familienausflug.

Und mit Uriah Heep als „special guest“…, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Die Barclaycard-Arena war nicht ganz ausverkauft und trotzdem kamen wir nicht nach vorne an die Bühne. Hier war ein knapp 20m tiefer Bereich vor der Bühne den Inhabern einer sogenannten „Gold-Circle“-Karte vorbehalten. Wir leben in seltsamen Zeiten… früher standst Du direkt an der Bühne, wenn Du schneller als die anderen Fans warst. Aber früher war auch mehr Lametta.

So standen wir direkt an der Grenze zu „Gold-Circle“ und hatten auch dort eine tolle Sicht und viel Spaß!

Suchbild… 🙂

Da Rocka & Da Waitler

Es begann pünktlich um 19:00 Uhr mit dem bayrischen Rock/Folk Crossover Duo „Da Rocka & Da Waitler“. Ich kannte die beiden bereits aus dem Netz, die meisten Hamburger waren offenbar etwas überfordert von dieser eigenwilligen Mischung: E-Gitarre, Akkordeon und Schlagzeug. Die Musik? Irgendwo zwischen Hard-Rock und Bierzelt. Die Jungs gaben sich wirklich Mühe, aber ob es an deren Nervosität oder dem Publikum lag, irgendwie zündete der Funke nicht. Ich nahm mir aber vor, die Band im Auge zu behalten. Und im Mai 2017 spielen sie in Lübeck: da gehma steil! (Songtitel!).

Da Rocka & Da Waitler
Irgendwie anders und doch cool

Uriah Heep

Und dann kamen Uriah Heep: starker Anfang mit „Gypsy“ und es ging Schlag auf Schlag weiter. Ob „Stealin“, „Sunrise“. „Easy Livin‘“ oder das relativ neue „One Second“ (vom 2014er-Album „Outsider“)… die Songs kamen richtig gut rüber. Den einzigen Durchhänger gab es nach meiner Meinung mit „The Law“, nicht sooo eingängig und für die meisten Konzertbesucher unbekannt. Zur Band selber braucht man eigentlich nichts mehr erzählen. Der Sound der 70er wird gnadenlos frisch gehalten: die dröhnende Hammond, die wimmernden Gitarrenläufe und der mehrstimmige Gesang waren schon immer ihr Markenzeichen und sind quasi die melodische Seite des Hard-Rock. Der „Neue“ am Bass, Davey Rimmer, scheint sich gut hineingefunden zu haben und Sänger Bernie Shaw ist seit fast zwanzig Jahren noch immer noch eine Rampensau. Fairerweise muss man aber auch sagen, den alten Recken sieht man die Jahre auch an. Mit „Lady In Black“ gab es dann (wie immer?) den krönenenden Abschluss. Egal, ich fand den Auftritt insgesamt gut und werde mir sicherlich auch noch mal eine Solo Tour besuchen.

Status Quo

Und damit sind wir beim Headliner des Abends. Status Quo gaben kürzlich bekannt, dass sie 2016 auf ihre allerletzte elektrisch verstärkte Live-Tour gehen. Nach dieser Europa-Tournee wird es keine weiteren Electric-Tourneen der legendären Band mehr geben. Das war für uns der Grund, noch einmal tief in die Tasche zu greifen und mit der gesamten Familie anzurücken. Dass sich Rick Parfitt nach seinem Herzinfarkt am 14. Juni in der Türkei und den nachfolgenden Komplikationen dann aus der Band verabschiedete, war und ist traurig und ich bin mir nicht sicher, ob ich danach noch Karten besorgt hätte.

Status Quo 2016

So feierten wir mit rund 8000 Fans den Abschied vom typischen Status Quo-Gitarrensound. Es ging (wie immer) los mit „Caroline“ und dann wurde ein Feuerwerk von Hits abgeschossen, die jeder kannte und fast jeder mitsingen konnte. Francis Rossi spulte die Show routiniert ab, viele Ansagen kamen mir noch vom letzten Mal bekannt vor, und der Rest der Band ist sowieso über jeden Zweifel erhaben. Mit Richie-Paddy Malone hatte die Band einen akzeptablen Ersatz an der Gitarre für eigentlich unersetzbaren Rock Parfitt gefunden. Die Gesangparts übernahm deshalb John „Rhino“ Edwards. Und dass waren dann für mich auch die Momente, wo Status Quo irgendwie nicht mehr wie Status Quo klangen. Höre ich da jemanden „Status-Quo-Coverband“ murmeln… Na ja…

Alles in allem hat es aber wirklich noch einmal Spaß gemacht. Trotzdem war es für mich auch ein Abschied von dieser Band. Diese Tour wird zweifellos das Ende einer Ära bedeuten, wenn Status Quo sich von dem andauernden Tourleben verabschieden. Seit ihrem ersten Chartserfolg 1967 ist die Band trotz wechselnder Besetzungen zu einer wahren Ikone und einem der einflussreichsten Rock-Acts geworden. Die Garanten für diesen Erfolg waren meiner Meinung nach aber immer Rossi und Parfitt.

Francis Rossi
Ratlos oder voller Ideen? Wir werden es sehen!

Wie schrieb eine Zeitung: „Die Musikwelt wird nicht mehr dieselbe sein, wenn sich der aufgewirbelte Staub gelegt hat von der “The Last Night Of The Electrics” Tour.“ Aber schaue schauen wir mal, wie sich die akustischen „Quo“ entwickeln werden.

Bye, Bye, Bye-Bye…

Pressestimmen

Status Quo: Furioser Abschied von E-Gitarren

(Quelle: Kristina Bischoff/NDR.de)

Dass ein ausdauerndes Rock'n'Roller-Leben auch an Größen wie den Status Quo nicht spurlos vorbei geht, belegt die aktuelle Tour der Kult-Rocker aus Großbritannien. "Last Night Of The Electrics" betitelt, nimmt Bandbegründer Francis Rossi darin Abschied vom E-Gitarrenspiel. Aus gutem Grund: Am Morgen danach tue ihm einfach alles weh, meint er. Arme, Beine und auch der Hals sei wund. Wo er ursprünglich vorhatte, zum Jahresende ganz aufzuhören, wird die Band künftig "nur" akustisch spielen. Bevor es soweit ist, haben es Status Quo und gut 8.000 Fans in der Barclaycard Arena noch mal richtig krachen zu lassen.

Wer braucht schon Deko?

Um kurz nach 21 Uhr geht es endlich los. Das Saal-Licht senkt sich, eine Art Fanfare schallt durch die Halle, bis die fünf Männer von Status Quo lässig ihre Bühne betreten. Die ist schlicht ausgestattet: vier weiße Gitarrenverstärker links, Schlagzeug und Keyboard auf einem Podest darüber, unter dem Bühnendach Stahlstreben für das Farblicht und eine dicke Verstärkeranlage. Das war's. Hier steht die Musik im Vordergrund. Oder aber Bandleader Francis Rossi. Der Zopf des drahtigen Londoners ist ab, die Haare trägt er nun kurz und grau, seine Figur ist schmal und sein Bühnenlook klassisch. In weißen Hemd, schwarzer Hose und Weste hat er seine knallgrüne Telecaster fest im Griff und schlägt die ersten Akkorde an.

Mit "Caroline" geht es in die erste Runde. Das Publikum macht sofort mit, reagiert per Kopfnicken und Mitklatschen. Zweifellos - ihr stürmischer Boogierock macht wirklich gute Laune. Und die wird noch mehr, als "The Wanderer" ertönt. Dann hat Bassist Rhino Edwards seinen Auftritt: Er übernimmt die Gesangsparts des kürzlich ausgeschiedenen Rick Parfitt. Der Partymacher der Band hatte im Juni einen bösen Herzinfarkt erlitten und verkündete vor gut zwei Wochen seinen Ausstieg.

Paddy stellt sich vor

Nach dem Ausstieg Rick Parfitts mussten Entscheidungen getroffen werden: Strafe zahlen und Fans enttäuschen - oder einen adäquaten Einsatz finden. Die Band entschied sich für Letzteres und engagierte Richie-Paddy Malone. Der junge, blonde Gitarrist aus Irland mit dem Kindergesicht bedient zwar noch nicht das Gesangsmikrofon, weiß aber, seine Power-Chords an der Gitarre kraftvoll zu schrubben. Und hat offensichtlich Spaß mit dem Stamm der Band aufzutreten.

In Hamburg ist es nur draußen kalt

Der Band-Stamm ist aber auch sehr unterhaltsam, verbreitet mit lustigen Anekdoten gute Laune im Publikum. So lässt Frontmann Francis Rossi alle wissen, dass es schön sei, wieder in Hamburg zu sein. "Wir mögen Hamburg und Deutschland. Im Unterschied zu England ist es bei Euch nur draußen kalt. Bei uns setzt sich die Kälte in den Häusern fort", quasselt er sich in Fahrt, um dann zum ersten Medley überzuleiten - und später zu verraten, warum Status Quo so gerne diese Song-Zusammenstellungen spielt: "Man schmeißt zusammen, was in der Summe weniger langweilig klingt".

Das ist schamlos untertrieben: "Anniversary Waltz" oder "Roadhouse Medley" heißen ihre Vermischungen, in denen sie abwechselnd keltisch ausgelassen abrocken oder derbe Stampfer auf ihre Fans loslassen - so wie in dem Potpourri mit den Songs "What You're Proposing", "Down the Dust Pipe", "Mountain Lady" und "Balls of Fire".

Sie können auch Art-Rock aus Bielefeld

Doch Status Quo kann auch auch anders und zelebriert Rock aus den frühen 70ern, inspiriert durch die Stadt Bielefeld und ihre dort lebenden Freunde Gerd und Ulla.  Dazu darf Drummer Leon Cave an den Bühnenrand und einen Zacken leiser spielen, während vier Gitarren mit kunstvoll schrägen Tönen den Hörer erfreuen.

Danach geht es zurück in die Zukunft, in die 80er. "In the Army Now" ist der Megahit, bei dem das Publikum gerne die Chorstellen übernimmt. Darum geht die Band auch kurzfristig von der Bühne ab, überlässt sie Schlagzeuger Leon zum Solo, ehe es mit Kloppern wie "Roll Over Lay Down", "Down Down" und "Whatever You Want" spürbar in Richtung Finale geht. Fehlt nur noch einer - der Überhit "Rockin' all over the World". Der kommt nach gut 90 Minuten Show. Ob's das schon war?

Status Quo ziehen den Stecker

Mit einem weiteren Medley - durch "Burning Bridges" eingeleitet - geht es in die Zugabe. Das wild hüpfende Publikum stößt langsam an seine Konditionsgrenzen. Nach 105 Minuten und "Bye Bye Johnny", bei dem der ganze Saal freundlich mitsingt, ist dann Schluss. Die Band feiert sichtlich entspannt und glücklich ihr letztes Hamburg-Konzert, in dem elektrische Gitarren eine Hauptrolle gespielt haben. Doch selbst, wenn wir sie das nächste Mal "nur" noch akustisch erleben bleibt eines klar: E-Gitarren kann man den Stecker ziehen. Dem Rock'n'Roll von Status Quo aber noch lange nicht!