Alle Beiträge von Frank Selle

I’m Eighteen (mit 43 Jahren Erfahrung…)

Alice Cooper
Old Black Eyes Is Back-Tour

23.September 2019, Barclaycard Arena, Hamburg

Was die Überschrift soll? Nun, ich bekam zu meinem 50sten ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Ich bin 18“ (und darunter etwas kleiner gedruckt „mit 32 Jahren Erfahrung“) geschenkt.

Als gestern die ganzen 50- bis 60-jährigen  gemeinsam mit dem 71jährigen lauthals „I’m Eighteen“ sangen, da musste ich unwillkürlich grinsen und an das Shirt denken. Zu diesem Zeitpunkt war das Konzert für mich und die Fans im Front-Of-Stage-Bereich bereits ein voller Erfolg. Aber der Reihe nach.

Mein erste Eindruck beim Betreten der Halle: leider nicht komplett gefüllt, die oberen Ränge waren abgehängt und der Rest der Plätze schien mir nur zu 75% besetzt.

Falls jemand sie nicht kennt: Namen merken!

Pünktlich um 20:00 Uhr traten Black Stone Cherry auf die Bühne und hauten wirklich alles raus, was diese Band draufhatte. Ein starke Mischung aus klassischem Hardrock, gemixt mit Blues und Southern-Rock machte richtig Laune. Nach dem Auftritt würde ich sie als eine etwas härtere Variante von ZZ Top einsortieren. Aber wie das so mit Schubladen ist: jeder sollte sich sein eigenes Bild machen!

Vollgas vom ersten bis zum letzten Akkord!

Lediglich die etwas unausgewogene Abmischung störte. Die Keyboards gingen völlig unter und das Schlagzeug schien mir etwas gedämpft. Damit teilte die Band vermutlich das Schicksal vieler Vorgruppen.

Nun sind Black Stone Cherry gewiss keine Newcomer Band mehr (einfach mal googlen oder beim Amazon reinschauen…) und deshalb werde ich einfach mal abwarten, wann ich sie als Hauptact in Hamburg oder Umgebung erleben kann. Die Band lohnt sich auf jeden Fall!

„Hast Du eben gelacht?“

Und dann, nach der üblichen (und heute absolut notwendigen!) Umbaupause, begann die Alice-Horror-Show.

Dramatische Musik („Years Ago/Nightmare Castle“), der Vorhang fällt und es geht mit Vollgas („Feed My Frankenstein“) los… bzw. die Band legt mit Vollgas los. Bei Mr. Cooper scheint im ersten Song das Mikro zu versagen und der Gesang kommt nur abgehackt oder gar nicht.

Bereits im zweiten Song („No More Mr. Nice Guy“) scheint die Panne behoben und mittlerweile sind die Fans (zumindest vor der Bühne) stimm- und textsicher!

Ansonsten fährt Alice Cooper alles auf, was an theatralischen (Schock-)Effekten möglich ist. Zu „He’s Back (The Man Behind the Mask)“ erscheint der maskierte Killer aus den „Freitag, der 13.“-Filmen auf der Bühne und tut, was maskierte Killer so tun.

Natürlich wird Alice in Zwangsjacke vorgeführt und später hingerichtet. Es tanzen ein Riesenbaby und ein Monster über die Bühne, eine untote Braut sowie eine etwas „strange“ Krankenschwester mischen munter mit… und die Musik?

Es stimmt, ein Alice Cooper-Konzert ist weit mehr als nur Musik. Und trotzdem würde man der Band nicht gerecht werden, wenn man nur die Show betrachtet. Auf der Bühne steht eine reine Gitarrenband, die es allerdings in sich hat.

Ein wirklich beeindruckendes Drum-Solo!

Neben dem fantastischen Schlagzeuger Glen Sobel (siehe auch Hollywood Vampires!) quälen    Chuck Garric (Bass, Vocals), Ryan Roxie (Guitar, Vocals), Tommy Henriksen (Rhythm & Lead guitar, Backing Vocals) sowie Nita Strauss (Lead & Rhythm Guitar, Backing Vocals) die Saiten. Und die sind alle hervorragend.

Was die Saiten hergeben…

Zur einzigen Frau nur soviel: am Anfang hatte ich auch kurz gedacht, sie wäre hauptsächlich als Blickfang in die Band genommen worden… Ein ganz großer Irrtum! Als Alice Cooper sie zum Ende der Show  als „best female guitarrist of the world“ vorstellte, gab es in der Arena nur wenige, die das bezweifelt hätten. Und wenn es sicherlich noch andere großartige Gitarristinnen auf der Welt gibt (wie mißt man auch „beste Gitarristin“ in der Musik?), Nita Strauss kann so manchen männlich Kollegen an die Wand spielen. Sensationell!

Einsame Spitze!

Gab es überhaupt etwas zu bemängeln? Mir schien die Stimme von Alice Cooper mit fortschreitendem Konzert angegriffener zu sein… wahrscheinlich ein Tribut an das Alter und dieser Art zu singen. Also keine wirkliche Überraschung. Deshalb wurden vermutlich auch ein paar Songs als Füller eingebaut, bei denen sich die Band ohne den Meister austoben konnte.

Daneben waren ein oder zwei Songs echte Stimmungsbremser. Und dass heute weder „Hello Hooray“ oder  „Elected“ gespielt wurden… einfach schade!

Ansonsten war es ein höchst unterhaltsames Konzert, die Stimmung vor der Bühne war gut (wenn auch nicht ekstatisch) und  die Fans kamen auf ihre Kosten.

Am Ende der Seite findet ihr ein YouTube-Video der Show, drei Tage vorher in Paris aufgenommen!

Die Setlist:

  • Years Ago (vom Band)
  • Nightmare Castle (vom Band)
  • Feed My Frankenstein
  • No More Mr. Nice Guy
  • Bed of Nails
  • Raped and Freezin‘
  • Fallen in Love
  • Muscle of Love
  • He’s Back (The Man Behind the Mask)
  • I’m Eighteen
  • Billion Dollar Babies
  • Poison
  • Guitar Solo
    (Nita Strauss)
  • Roses on White Lace
  • My Stars
  • Devil’s Food
    (band only jam)
  • Black Widow Jam
    (with ‚Black Juju‘ drum solo)
  • Steven
  • Dead Babies
  • I Love the Dead
    (band vocals only)
  • Escape
  • Teenage Frankenstein

Zugabe:

  • Under My Wheels
  • School’s Out
    (with „Another Brick in the… more)
See you again?
Pressestimmen

Horrorshow der Hardrock-Legende

Alice Cooper setzte in der nur mäßig gefüllten Barclaycard Arena auf Gruseleffekte und die bekannt starken Songs

(Quelle: Falk Schreiber/Hamburger Abendblatt v. 25.09.2019)

Hamburg Der Kindermörder hat keine Chance. Noch wiegt er die Babypuppe in den Armen, schon hebt er das Hackebeilchen – und gerade rechtzeitig wird er von herbeigeeilten Helfern überwältigt. Eine Guillotine schiebt sich auf die Bühne, ein dramatischer Trommelwirbel ertönt, zack! Kopf ab. Das Gute hat gesiegt, zumindest wenn man eine Exekution als „gut“ bezeichnen möchte, aber juristische Fragen würden hier wohl zu weit führen. Also: Das Gute siegt, wie immer in den Shows des US-Rockmusikers Alice Cooper, so auch am Montagabend in der mäßig gefüllten Hamburger Barclaycard Arena.

Um 1900 erfand das Pariser Théâtre du Grand Guignol ein ganz neues Bühnengenre. Grand Guignol, das waren Grusel- und Horrorstücke, die vor allem über Schockeffekte funktionierten, über drastisch ausgespielte Folterszenen, Vergewaltigungen, Morde. Alice Cooper, geboren 1948 als Vincent Damon Furnier in Detroit, baut seine Karriere im Grunde seit den 1960ern auf dem Grand-Guignol-Prinzip auf: bewusst rumpelig gespielter Hardrock, der mit theaterhaften Horrorszenen aufgeladen wird. Wobei diese von Tour zu Tour ausgefeilteren Szenen ein wenig überdecken, dass sich in Coopers mittlerweile umfangreichem Hit-Repertoire ziemlich raffinierte Kompositionen und originelle Variationen der Rock-Konvention verbergen.

Nur halt immer wieder voller Mummenschanz. Mit einer riesigen Monsterpuppe, die bei „Feed My Frankenstein“ über die zwischen Piratenschiff, Burgruine und Jahrmarkts-Geisterbahn gebastelte Bühne wankt, mit einem aufblasbaren Horrorbaby, das zu „Dead Babies“ tanzt. Bei „He’s Back (The Man Behind The Mask)“ gibt es sogar eine kleine Theaterszene mit Verfremdungseffekt: Eine junges Mädchen entert die Bühne und winkt aufgekratzt grinsend ins Publikum – ein Fan, der es an der Security vorbei geschafft hat? Nein, von hinten nähert sich schon ein maskierter Unhold und schneidet ihr die Kehle durch. Ein Spiel.

Wirklich beängstigend ist das alles natürlich nicht. Am schockierendsten ist immer noch, dass Cooper im Privatleben evangelikaler Christ ist, der sich 2004 als Bush-Unterstützer outete und der heute regelmäßig mit Donald Trump golfen geht (und sich öffentlich beschwert, dass Trump schummeln würde). Allerdings legt wohl kaum ein Künstler so großen Wert auf Distanz zwischen seiner Bühnenpersönlichkeit und der Realität wie Cooper: „And playing the role of Alice Cooper: me“, beendet er die Vorstellung seiner durch die Bank tollen Band beim Hamburger Konzert. Das ist hier alles Theater, und jeder Auftritt ist eine Rolle.

Und Cooper spielt diese Rolle mit Verve. Der mittlerweile 71-Jährige ist ein leidenschaftlicher Showman, der weiß, dass er angesichts seines Alters nicht mehr wild über die Bühne hüpfen kann und sich entsprechend auf düstere Grandezza konzentriert, während die sportlichen Einlagen von seinen Musikern kommen, mit einem mehr Artistik als Virtuosentum ausstrahlenden Schlagzeugsolo von Glen Sobel, mit beeindruckenden Sprints von Leadgitarristin Nita Strauss. Stört dabei, dass mit Ausnahme des unspektakulären „Fallen In Love“ vom 2017er-Album „Paranormal“ ausschließlich alte Songs erklingen? Nö. Sind ja wirklich tolle Songs, „I’m Eighteen“, „Billion Dollar Babies“, selbst der zu Tode genudelte „Ich habe Angst vor Frauen“-Megahit „Poison“ hat seine Qualitäten, die hier gnadenlos ausgespielt werden.

Die fünfköpfige Band schichtet Solo auf Solo

Außerdem weiß Cooper mit mehr als 50 Jahren Bühnenerfahrung natürlich auch, welche Knöpfe man drücken muss, damit ein Konzert funktioniert. Wenn man beispielsweise als Vorband eine strunzlangweilige Provinzrock-Kapelle wie Black Stone Cherry engagiert, dann klingt der eigene Auftritt schon mal um eine Klasse besser, obwohl bei den ersten Songs der Ton wegsuppt. Und wenn man eine tolle Band hat, dann kann man die auch mal eine gefühlte Ewigkeit Solo auf Solo schichten lassen, um währenddessen die müden Knochen hinter der Bühne pflegen zu lassen. Doch, die fünfköpfige Band ist toll. Der verzeiht man sogar, dass sie Coopers Sommerferien-Heuler „Schools Out“ so blasphemisch wie naheliegend mit Pink Floyds Schulfrust-Hymne „Another Brick In The Wall“ koppelt. Weil: klingt tatsächlich sehr gut.

Der Auftritt ist so mehr Rockrevue als echtes Konzert. Eine beeindruckende Band spielt große Songs, die man durch die Bank kennt, und auf der Bühne passieren Aktionen, die man alle auch so ähnlich erwartet hat. Und trotzdem: Der Abend macht Spaß. Vielleicht macht das ja eine wirklich gute Show aus: dass man ausschließlich das bekommt, was man bestellt hat. Und dass man trotzdem das Gefühl hat, gerade etwas sehr Beeindruckendes erlebt zu haben. Vielleicht.

Alice Cooper live 2019: Die Fotos aus der Barclaycard Arena

Bilderstrecke von Rockantenne Hamburg

Ol' Black Eyes is Back - aber wie! Wenn einer wie Alice Cooper sein 50. Bühnenjubiläum feiert, dann darf man sich auf einen Live-Rock-Abend der Superlative freuen! Denn genau das hat Good Ol' Black Eyes in der Rock City Hamburg getan und sein Publikum begeistert. Schock-Rock-Meilensteine wie "Poison", "No More Mr Nice Guy" und Co. live zu hören ist immer top, wenn sie dann aber von einer Reihe solch talentierter und leidenschaftlicher Musiker gespielt werden, dann ist das einfach genial. Dazu kommt Alice Coopers höchst beeindruckende Horror-Bühnenshow - ein Spektakel, das man mal erlebt haben muss.

Als Support durften die Southern Rocker von  Black Stone Cherry  ran. Die Jungs aus Kentucky wissen ebenfalls, wie man eine  Bühne rockt und so war das Publikum in der Barclaycard Arena in bester Stimmung, als Alice Cooper und Co. auf die Bühne kamen.Auf die nächsten 50, Alice - unsere besten Fotos vom Konzert seht ihr in den Galerien!

Monkey Press

Bilderstrecke von Cynthia Theisinger

Die gleiche Show, drei Tage vorher in Paris:

Ich glaub‘, ich steh im Wald!

Rival Sons
Feral Roots-Tour

01.03.2019, Große Freiheit 36,  Hamburg

Dunkelheit… Vogelstimmen… plötzlich das Fauchen einer Großkatze… Pulsschlag… weitere Tiergeräusche… der Puls steigt… das Fauchen der Großkatze kommt näher… der Puls wird rasend…

Donnerndes Schlagzeug-Trommelfeuer… blendendes Licht und die Rival Sons eröffnen mit „Back In The Woods“ ein Mörderkonzert!

Superlative hin oder her, aber das war ein wahnsinnig mitreißendes Opening und die Fans wurden sofort mitgerissen.

The Sheepdogs

Eine knappe Stunde vorher erlebte ich eine etwas andere Überraschung. Entgegen dem offiziellen Beginn (um 19:00 Uhr!) hatten die Sheepdogs als Vorgruppe bereits um 18:45 Uhr ihr Set begonnen und als ich dann einen guten Platz gefunden hatte, bekam ich nur noch die letzten beiden Songs mit. Das was ich dort noch mitbekam, klang aber wirklich gut. Die Sheepdogs sind eine kanadische Rockband, die sich offenbar dem Southern Rock verschrieben hat. Lynyrd Skynyrd, CCR, Doobie Brothers… wem diese Namen etwas sagen, der kann sich den Sound ungefähr vorstellen.

Nach kurzem Umbau und pünktlich um 20:00 Uhr gingen die Lichter aus und wir Fans standen im Dschungel, von wo uns die Band  zurück zu ihren wilden Wurzeln („Feral Roots„) mitnahm.

Rival Sons

Der Einstieg, passend mit „Back In The Woods“ und „Sugar On The Bone“ vom neuen Album… genau: „Feral Roots“. Damit war auch der Kurs für den kompletten Gig vorgegeben. Hier wurde ohne große Kompromisse an vergangene Hits fast das komplette neue Album duchgespielt. Das muss nicht immer funktionieren, heute klappte es aber vorzüglich.

Die meisten Fans schienen das Album schon komplett inhaliert zu haben, zumindest stiegen sie in fast jeden Song sofort ein.

Natürlich zündeten ältere Stücke wie „Electric Man“ oder „Torture“ immer noch gewaltig, allerdings fügten sich das Titelstück und besonders das gospelartige „Shootings Stars“ im Zugabenteil nahtlos in die Reihe der besten Songs dieser Band ein.

Gab es überhaupt etwas zu bemängeln? Na ja, den Lichtdesigner würde ich gerne mal fragen, ob man die Band hinter den Stroboskop-Effekten verstecken wollte. Zumindest von meiner Position aus (oben auf dem Rang) nervte das Lichtgewiter teilweise und verhinderte darüberhinaus auch den Blick auf die Bühnen-Deko. Das Plattencover von „Feral Roots“ erstreckte sich formatfüllend über die gesamte Bühne…!

Ansonsten stehe ich auch wirklich auf Gitarrensolos, allerdings hatte ich heute Abend das Gefühl, dass sich Scott Holiday ein- oder zweimal etwas „verlief“. Jay Buchanan gab wieder alles und was dieser Mann jeden Abend aus seiner Stimme herausholt… unglaublich. Der Rest der Band hat da schon Schwierigkeiten, sich zu profilieren. Bass (Dave Beste) und Schlagzeug (Mike Miley ) wuchtig und präzise, die Keyboards (Todd E. Ögren-Brooks) wurden nach meinem Geschmack etwas in den Hintergrund gedrängt.

Schlussendlich ist das aber alles meckern auf hohem Niveau, denn trotz allem gelingen der Band auch live genug große Momente. Exemplarisch dafür stehen das bombastische „All Directions“ sowie die mitreißenden Gesangsleistung in „End Of Forever“.

Es war letztlich ein Konzert mit allem, für das diese Wahnsinnsband seit ihrer Gründung 2008 steht: die besten Zutaten der klassischen Rockmusik (bspw. Doors, Led Zeppelin, Deep Purple…) in einen aktuellen Sound verpackt und ohne eine Spur von Anbiederung oder gar die alten Bands zu kopieren!

Setlist:
  • Back in the Woods
  • Sugar on the Bone
  • Electric Man
  • Pressure and Time
  • Too Bad
  • Jordan
  • Feral Roots
  • Torture
  • Face of Light / Sacred Tongue
  • Imperial Joy
  • Open My Eyes
  • All Directions
  • End of Forever
  • Do Your Worst
Zugabe:
  • Shooting Stars
  • Keep On Swinging

Dieses Konzert kann man sich für jede Gelegenheit als Playlist zusammenstellen… Ein guter Whiskey oder eine kühles Bier, Anlage aufreissen und der Abend ist gerettet!

Long live Rock!

Grosse Freiheit 36, Hamburg

Januar, Februar, October…

Blue October

04.02.2019, Markthalle, Hamburg

Okay, ein flauer Kalauer als Überschrift. Aber irgendwie passt er auch zu dem gestrigen Konzert.

Letztes Jahr hatte ich diese feine Band aus Texas bei einem tollen Konzert in der Fabrik kennengelernt, seitdem meine Sammlung um ein paar wirklich großartige CDs erweitert und mich deshalb richtig auf den Termin gefreut, als die diversen Newsletter von einer 2019er-Tournee berichteten.

Da ich seit dem letzten Konzert auch in meiner Familie mehr als ausgiebig die Werbetrommel für Mr. Justin Furstenfeld und seine Jungs gerührt hatte, durfte ich auch prompt mehrere Karten ordern.

Nun denn: schneller als geplant standen wir schließlich in der sehr übersichtlichen Markthalle… Als dann um Punkt 20:00 Uhr der Support-Act die Bühne betrat, war die Halle noch immer nicht richtig voll… „aber die stehen sicher noch draußen am Bierstand und kommen erst wenn die Band auf die Bühne kommt…“! Denkste!

KIOL (rechts), bürgerlich Alessandro Bossi, ein italienischer Singer/Songwriter aus Turin.

Kurz zum Vorprogramm. Der italienische Singer-Songwreiter Kiol war nicht sooo schlecht. Allerdings riß er mich auch nicht vom Hocker, die Songs plätscherten so dahin und am Ende blieb keine Melodie hängen. Geschmacksache? Vermutlich. Andererseits flüchteten die Fans auch nicht massenweise nach draußen und am Ende gab es freundlichen Applaus.

Blue October 2019: Songs wie Breitwandfilme über die dunklen und hellen Seiten des Lebens!

Dann begann die Soundcollage (siehe bzw. höre „Things We Do At Night [Live From Texas]“) und die Band stieg mit „Sway“ und „Say It“ richtig stark ein. Auch Fans, die nicht alle Songs der Band kennen, wurden mit diesen eingängigen Songs, mitgenommen. Wenn nur… der Sound zu Beginn etwas besser gewesen wäre. Ich fand es gerade zu Beginn etwas sehr basslastig. Als die Mixer sich dann eingeregelt hatten, war der Schwung irgendwie dahin.

Eigentlich ein perfekter Platz für den optimalen Sound… nahe am Mischpult!

Mr. Furstenfeld schien mir heute auch nicht so gut aufgelegt, wie ich ihn schon einmal erleben durfte. Ich empfand den Auftritt als sehr routiniert, wenig spontan und so manche Geste wirkte wie abgerufen. Dann war nach genau 60 Minuten Schluß… scheinbar.

Das Publikum klatschte zunächst noch rhytmisch… von frenetischen „Zugabe“-Forderungen aber weit entfernt. Schließlich kam Furstenfeld zunächst mit Ryan Delahoussaye (Violine, Mandoline, Klavier) zurück auf die Bühne und spielte ein sehr ruhiges Stück (noch nicht auf meinem Radar….), in das gegen Ende der Rest der Band einstieg. Was folgte, waren neben ein paar Songs von der letzten CD natürlich „Things We Do At Night“ und schließlich „I Hope You’re Happy“.

Danach war schlagartig Schluß. Genau 90 Minuten und während die Musiker sich noch verabschiedeten kam schon Musik aus der Konserve und das Licht ging langsam an.

Zu diesem Abend fällt mir ein Fazit etwas schwer. Band und Songs waren toll bis großartig, auch wenn man über die Auswahl der Titel diskutieren könnte. Der Sound am Anfang.., geschenkt. Da habe ich schon ganz andere Ausreißer erlebt. Insgesamt kam jedoch nicht die Stimmung auf, die ich erwartet/erhofft hatte. Vielleicht lag es ja an der mäßigen Zuschauerzahl? Weder das Publikum noch die Band vermochten sich gegenseitig „anzufeuern“. Trotzdem waren allein die Ansage und der Song „Home“  den Eintritt wert.

Und wahrscheinlich werde ich beim nächsten Aftritt hier im Norden wieder dabei sein. Es kann also nicht schlecht gewesen sein 🙂

 

Ich krieg das Grinsen nicht aus meinem Gesicht…

Ringo Starr & His All Starr Band

11.06.2018, Hamburg Stadtpark Open Air

Es gibt Konzerte, die machen einfach nur gute Laune. Und gestern hatten wir das große Glück, ein solches Konzert zu erleben.

Doch der Reihe nach.

Wenn es so etwas wie eine To-Do-Liste für Konzerte gibt, die man erlebt haben muß, dann gehört der Besuch eines Ringo Starr-Auftritts unbestritten dazu. Als eines der beiden letzten lebenden Mitglieder der wohl einflußreichsten Band aller Zeiten, ist der Ex-Beatle selbst schon eine Legende. Über einen Zeitraum von mehr als 55 Jahren hat er Musikgeschichte mitgeschrieben, auch wenn er selbst vielleicht nie die kreative Führung übernahm. Aber er war immer dabei.

Als die Tourneepläne für ihn und seine All-Starr-Band herauskamen, war das für mich ein Selbstgänger.

Der erste Versuch ging jedoch noch richtig daneben. Kaum hatte ich am Sonntag einen prima Parkplatz in der City Nord am Stadtpark gefunden, brummte mein Handy. Über Facebook wurde den Fans mitgeteilt, dass Sir Ringo mit einem grippalen Infekt krankgeschrieben sei und das Konzert auf den nächsten Tag verschoben würde.

Warten auf Ringo!

Also starteten wir am Montag leicht gehetzt einen zweiten Versuch und standen dann doch pünktlich um 19:00 Uhr im grünen Rund.

Mit der Vorband konnte ich diesmal überhaupt nichts anfangen, offenbar reisst jede Serie irgendwann einmal. Nach dem ich jetzt so viele gute Opener erleben durfte, ging Vincenzo Tunnera mit seiner 8köpfigen Band völlig an mir vorbei. Das waren sicherlich gute Musiker, aber die Songs (irgendwie „neue deutsche Betroffenheit“?) und seine Stimme zündeten bei mir gar nicht.

Vincenzo Tunnera & Band

Dann eine halbe Stunde Umbau und kurz nach 20:00 Uhr kamen die „All-Starrs“ auf die Bühne:

  • Steve Lukather (Toto) – guitar, lead & backing-vocals
  • Gregg Rolie (Santana) – keayboard, lead & backing-vocals
  • Colin Hay (Men At Work) – guitar, lead & backing-vocals
  • Graham Gouldman (10cc) – bassguitar, lead & backing-vocals
  • Warren Ham  – Saxophone, flute, lead & backing-vocals
  • Gregg Bissonette – drums, backing-vocals

Nach einer kurzen Begrüßung wurde dann „er“ angekündigt:

Ringo Starr

Wer jetzt erwartet hatte, einen würdigen älteren Herren (immerhin 77 Jahre alt!) auf die Bühne schreiten zu sehen… vergesst es!

Im lockeren Trab joggte Ringo herein und stieg nach kurzem „Hallo“ sofort in den Rock’n’Roll Standard „Matchbox“ ein. Und danach ging es Schlag auf Schlag.

Setlist
  • Matchbox (Carl Perkins cover)
  • It Don’t Come Easy (Ringo Starr song)
  • Dreadlock Holiday (10cc cover)
  • Evil Ways (Willie Bobo/Santana cover)
  • Rosanna (Toto cover)
  • Down Under (Men at Work cover)
  • Boys (The Shirelles cover)
  • Don’t Pass Me By (The Beatles cover)
  • Yellow Submarine (The Beatles cover)
  • I’m Not In Love (10cc cover)
  • Black Magic Woman/Gypsy Queen (Santana cover)
  • You’re Sixteen (Johnny Burnette cover)
  • Who Can It Be Now? (Men at Work cover)
  • The Things We Do for Love (10cc cover)
  • Oye Como Va (Tito Puente/Santana cover)
  • I Wanna Be Your Man (The Beatles cover)
  • Hold The Line (Toto cover)
  • Photograph (Ringo Starr song)
  • Act Naturally (Buck Owens/The Beatles cover)
  • With A Little Help From My Friends (The Beatles cover) (featuring Klaus Voormann)
Steve Lukather

Klar, dass bei dieser Songauswahl das gesamte Publikum mitsingen, mitklatschen und mitfeiern konnte. Jeder Musiker bekam seine Solomomente und ich wüsste nicht, wen man besonders hervorheben sollte. Sicherlich war Steve Lukather mit seinem Gitarrenspiel das Eintrittsgeld alleine wert… aber Warren Ham mit seinen Saxophon-Soli, die Hammond-Läufe von Gregg Rolie und die präzisen Drums von Gregg Bissonette bei den Santana-Songs standen dem in nichts nach. Dazu die Stimmen von Colin Hay und Graham Gouldman in „ihren“ Songs… die Zeit schien still zustehen!

von links: Steve Lukather (Toto), Gregg Rolie (Santana)

Ringo selber war angenehm entspannt, scherzte mit dem Publikum und machte einen absolut fitten Eindruck. Auf den Ausfall vom gestrigen Sonntag ging er natürlich auch ein: „Auch wenn ich auf der Bühne umfalle, macht euch keine Sorgen…“ Aber soweit kam es gottseidank nicht. Vielleicht nahm er sich deshalb aber etwas mehr zurück, unterstützte Gregg Bissonette am eigenen Schlagzeug oder verschwand auch hin und wieder kurz von der Bühne.

von links: Graham Gouldman (10cc), Gregg Bissonette, Colin Hay (Men At Work)

Seine Songs waren dann jedoch die Gänsehautmomente des Abends. Das selbstironisch angesagte „Don’t Pass Me By“,  „Act Naturally“ aus vergangenen „Help!“-Zeiten oder als absolute Höhepunkte „Yellow Submarine“ und „With A Little Help From My Friends“ vom epochalen „Sgt.Pepper“-Album.

Spätestens bei „Yellow Submarine“ stellte sich dann bei mir ein Grinsen ein, dass ich auch während der Heimfahrt und später beim Einschlafen nicht mehr los wurde.

Special guest: Klaus Voorman

Als zum Finale dann auch noch Klaus Voorman (seinerzeit als „fünfter“ Beatle gehandelt) auf die Bühne kam und alle gemeinsam „Give Peace A Chance“ von John Lennons Plastic Ono Band anstimmten, wurde es für fast alle Fans ein historischer Moment!

Sollte ich auch 77 Jahre alt werden, so kann ich noch lange von diesem geilen Konzert berichten.

Pressestimmen

Wie die Stadtparkbühne zum Starr-Club wurde

von Heinrich Oehmsen, Hamburger Abendblatt vom 11.06.2018

Von Krankheit keine Spur mehr: Ex-Beatle Ringo Starr serviert dem Publikum ein Hit-Potpourri und präsentiert einen Überraschungsgast.

Hamburg.  Von Krankheit keine Spur mehr. Ringo Starr, 77 Jahre alt, joggt wie ein Jungspund auf die Bühne im Stadtpark und geht gleich in die Offensive: "Ich weiß, dass ihr gestern alle hier wart. Wir waren auch hier, aber ich musste zum Arzt. Auch wenn ich auf der Bühne umfalle, macht euch keine Sorgen", scherzt er.

Gut, dass sein Tourplan nicht sehr eng gesteckt ist. Sonst hätte das am Sonntag ausgefallene Konzert von Ringo und seiner All-Starr Band nicht bereits einen Tag später nachgeholt werden können.

Viel Beatles-Geschichte im Programm

Es steckt viel Beatles-Geschichte in Ringos Show, nicht nur im Programm des Abends, sondern auch in den Outfits des Publikums. Viele ältere Fans haben ihre (erwachsenen) Kinder mitgenommen und tragen stolz ihre T-Shirts mit den Porträts der Fab Four, dem Zebrastreifen-Cover von "Abbey Road" und dem aktuellen Tour-Shirt von Ringo.

Los geht der Abend gleich mit Rock 'n' Roll aus der Zeit, als die Beatles noch in Hafenkaschemmen in Hamburg und Liverpool gespielt haben. Mit "Matchbox" von Carl Perkins eröffnet Ringo Starr den Abend. Ein großer Sänger ist er sicher nicht und vielleicht auch nicht der begnadetste Schlagzeuger im Rock-'n'-Roll-Geschäft. Aber Ringo hat Spaß. Spaß daran, alte Hits wie "Yellow Submarine" zu schmettern oder "Boys" aus alten Hamburger Tagen ("Das haben wir im Kaiserkeller gespielt").

Ringo verfügt über eine gehörige Portion Selbstironie: "Lange bevor ich die Beatles traf, habe ich eine Menge Songs geschrieben", sagt er lachend, "die alle nicht veröffentlicht wurden. Dann kam dieser." Und er stimmt das Schunkellied "Don't Pass Me By" an. Die Menge dankt es ihm, sie tanzt und klatscht. Die Rechnung geht auf. Ringo hat sie in der Hand.

Gregg Rolie war in Woodstock dabei

Mindestens ebenso wichtig sind die anderen Musiker seiner All Starr Band. Im Stadtpark steht Musikgeschichte auf der Bühne. Gregg Rolie war 1969 in Woodstock dabei, damals als Keyboarder und Sänger bei Santana. "Evil Ways", "Black Magic Woman" und Tito Puentes "Oye Como Va" aus den beiden ersten Santana-Alben steuert er zu diesem bunten Potpourri bei.

Ringo Starr, in kurzer schwarzer Lederjacke, hat sich schon nach dem zweiten Song hinter sein Schlagzeug zurückgezogen und überlässt seinen hochkarätigen Mitstreitern die Bühne.

Einen zweiten Schlagzeuger gibt es mit dem versierten Greg Bissonette auch noch. Ringo Starr lässt es sich jedoch nicht nehmen, seine Band in den höchsten Tönen zu loben. Gregg Rolie zum Beispiel nennt er den "John Wayne des Rock 'n' Roll".

Publikum ist verzückt von Steve Lukather

Geradezu verzückt ist das Publikum­ von Toto-Gitarrist Steve Luka­ther. Toto hat ja gerade vor ein paar Wochen ein ausverkauftes Konzert im Mehr!-Theater gegeben, jetzt steht dieser versierte Instrumentalist wieder auf einer Hamburger Bühne und spielt komplizierte Riffs.

"Rosanna" und "Hold The Line" sind die Toto-Klassiker, die auf dem Programm stehen. Aber die All Starrs haben noch viel mehr Stücke im Gepäck, die jeder kennt. Wie "Dreadlock Holiday", einen Hit von 10cc. Die britische Rockband wird an diesem Abend durch ihren Bassisten Graham Gouldman vertreten.

Auch Colin Hay gehört zur Combo. Früher hat er bei der australischen Gruppe Men At Work gespielt. Deren größte Hits fehlen an diesem Sommerabend nicht: "Down Under" und "Who Can It Be Now". Ringo beschließt den Abend mit "With A Little Help From My Friends".

Und präsentiert einen Überraschungsgast: Der Bassist Klaus Voorman kommt auf die Bühne, der Mann, der den Ehrentitel "Fünfter Beatle" trägt. Das Publikum ist begeistert von diesem und den vielen anderen "magischen Momenten". Sagt ein drahtiger Endfünfziger zu seinem Kumpel: "Ist das geil oder ist das geil?"

School’s Out… Forever!

The Hollywood Vampires

02.06.2018, Hamburg, Stadtpark Open Air

Als unser Ältester mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zu den Hollywood Vampires zu gehen, da zuckte es durch meinen Kopf „Hollywood wer?“.

Diese Promiband war bis dato an mir vorbeigezogen! Offenbar höre ich die falschen Sender, lese die falschen Zeitungen und habe auch die falschen Seiten abonniert. Also kurz nachgeschlagen:

The Hollywood Vampires

„Hollywood Vampires is an American rock supergroup formed in 2015 by Alice Cooper, Johnny Depp, and Joe Perry to honor the music of the rock stars who died from excess in the 1970s. The band name derives from The Hollywood Vampires, a celebrity drinking club formed by Cooper in the 1970s which included but was not limited to: John Lennon and Ringo Starr of The Beatles, Keith Moon of The Who, and Micky Dolenz of The Monkees. Touring members include or have included Duff McKagan and Matt Sorum of Guns ‚N Roses fame, as well as Robert DeLeo from Stone Temple Pilots.“  (Wikipedia)

…gleich gehts los!

Sobald ich „Alice Cooper“ las, war der Drops gelutscht. Aktuell läuft bei mir noch regelmäßig sein 2017er Album „Paranormal„… Und Alice noch einmal live zu erleben… unbezahlbar!

 

Der besagte Sonnabend zeigte sich zwar nicht von seiner sonnigen Seite, trotz der grauen Wolken konnte sich der Regen aber auch nicht durchsetzen. Somit ideales Wetter für ein Open Air-Konzert!

Nachdem wir in einer scheinbar endlos langen Schlange von der Parkseite her anstanden, ging es dann doch recht schnell in das grüne Oval.

Justin Hawkins – für ihn muß der Begriff „Rampensau“ erfunden worden sein!

Pünktlich um 19:00 Uhr standen dann The Darkness auf der Bühne. Die britischen Retro-Glamrocker mit Hard-Rock und Show-Elementen des 70er-Jahre-Glam-Rock. Die Akkustik war zu Beginn eher bescheiden, gegen Ende gerade noch okay. Der im sexy Outfit angereiste Sänger Justin Hawkins sorgte jedoch mit britischem Humor und witzigen Einlagen für die perfekte Stimmung unter den Besuchern. Und wer noch niemals einen Leadsänger gesehen hat, der im Kopfstand mit gespreizten Beinen den Takt zum Mitklatschen angibt… schaut euch The Darkness an. Mit gutem Sound kann dieses Gruppe ein wirklich heißer Act sein!

The Darkness

Und dann… wiederum pünktlich um 20:15 Uhr 😀 … flatterten die Vampire auf die Bühne. Angeführt von Alice Cooper brannte die Band ein Feuerwerk von Hits, Rock-Klassikern und eigenen Stücken ab, inklusive ihrer Hit-Single „As Bad As I Am“ von ihrem Debüt-Abum „The Hollywood Vampires“ aus dem Jahr 2015.

Die Idee hinter dieser Promi-Band ist eine Hommage an die Legenden des Rock. Viele der gewählten Songs stammten von Bands, die es entweder nicht mehr gibt, von denen ein besonderer Musiker frühzeitig verstorben ist oder anderen bereits verstorbenen Musikern.   Das waren zum Beispiel „The Jack“ von AC/DC, „Ace Of Spades“ von Motörhead oder „I Got A Line On You“ von Spirit. Mein absolutes Highlight war „Heroes“ von David Bowie, gesungen von Johnny Depp und das mit einer hammermäßigen Stimme… Gänsehaut war vorprogrammiert!

Johnny Depp

Ach ja, Johnny Depp! Auf mich wirkte er ein wenig abwesend, obwohl er ständig mit dem Publikum flirtete und Dutzende von Plektren in die Zuschauer warf. Sein Gitarrenspiel? Ich war mir nicht sicher, wieviel er zum Sound beitrug. Die beiden Songs, die er sang, fand ich okay. Im Abendblatt war man dann anderer Meinung… aber egal! Die überwiegend weiblichen Fans im „Golden Circle“ waren auf jeden Fall hin und weg.

Die Partylaune auf der Bühne schwappte aber auch ins restliche Publikum über, so daß für mich die Zeit wie im Flug verging. Joe Perry spielte, als ob es um sein Leben ging, Tommy Henriksen wirbelte wie ein Derwisch über die Bühne, Chris Wyse rammte ein perfektes „Ace Of Spades“ in den Boden und Alice Cooper war der perfekte Frontmann. Als gegen Ende dann auch noch Rudolf Schenker bei „Train Kept A-Rollin´“ auf die Bühne kam und die Gitarrenfront verstärkte… was kann ein solches Konzert noch steigern?

v.l.: Johnny Depp, Joe Perry, Rudolf Schenker, Tommy Henriksen

Ganz zum Schluss donnerte dann „School’s Out/Another Brick In The Wall“ von der Bühne und es schien so, als ob beide Songs nur aufeinander gewartet hätten. Das Publikum gab noch einmal alles (meine Stimme war danach etwas indisponiert) und das war es dann. 90 Minuten großartige Rockmusik, es war nur genial.

Wer mit den Namen der Musiker nichts anfangen kann, hier einmal die komplette (heutige) Band:

Die Band

  • Alice Cooper – lead and backing vocals, harmonica
  • Johnny Depp – rhythm and lead guitar, lead & backing vocals
  • Joe Perry (Aerosmith) – lead and rhythm guitar, backing and lead vocals
  • Tommy Henriksen (Alice Cooper-Band, Ex-Warlock) – keyboards, rhythm and lead guitar, backing vocals
  • Glen Sobel (Alice Cooper-Band)– drums, backing and lead vocals
  • Buck Johnson (Aerosmith) – keyboards, backing and lead vocals
  • Chris Wyse  (The Cult, Ozzy Osbourne) – bass, lead- & backing vocals
Alice Cooper – 70 Jahre und kein bisschen leise!

Setlist

  • I Want My Now
  • Raise the Dead
  • I Got a Line on You (Spirit – Cover)
  • 7 and 7 Is (Love – Cover)
  • My Dead Drunk Friends
  • Five to One / Break On Through (To The Other Side) (The Doors – Cover)
  • The Jack (AC/DC – Cover)
  • Ace of Spades (Motörhead – Cover)
  • Baba O’Riley (The Who – Cover)
  • As Bad As I Am
  • The Boogieman Surprise
  • I´m Eighteen (Alice Cooper – Cover)
  • Combination (Aerosmith – Cover)
  • People Who Died (The Jim Carroll Band – Cover)
  • Sweet Emotion (Aerosmith – Cover)
  • Bushwackers
  • „Heroes“ (David Bowie – Cover)
  • Train Kept A-Rollin´ (Tiny Bradshaw – Cover)

Zugabe

  • School´s Out/Another Brick In The Wall (Alice Cooper/Pink Floyd – Cover)

Fazit:

Wenn alle Konzerte so viel Spaß machen würden, dann täten mir die rund 80 Euro auch nicht weh. Und das Album (das ich mittlerweile auch gekauft habe) ist absolut kein Ersatz dafür, diese Band in dieser Form live zu erleben!

Pressestimmen

Hollywood Vampires: Johnny Depp mit den Gitarrenhänden

von Tino Lange, Hamburger Abendblatt, 03.06.2018

Erdiger Sound, leichter Regen und etwas Hollywood-Glamour: Die Hollywood Vampires um Johnny Depp rocken die Toten im Stadtpark.

Hamburg. Schon Wochen vor dem Konzert der Hollywood Vampires am Sonnabend im Stadtpark mehrten sich beim Veranstalter die Nachfragen, wie man denn schnellstmöglich nach dem Öffnen der Tore in die erste Reihe kommt – keine Chance, denn die "Golden Circle"-Tickets zu 100 Euro für einen abgesperrten Bereich vor der Bühne (eine Seltenheit im Stadtpark) waren natürlich als erstes weg. Sehr wahrscheinlich haben einige Fans auch 1200 Euro in die Hand genommen, um mit der anderen die Hand einer Berühmtheit zu schütteln.

Warum? Weil Hollywood-Superstar Johnny Depp ("Edward mit den Scherenhänden", "Fluch der Karibik") Teil dieser Allstar-Band ist, die 90 Minuten lang verstorbenen Rock-Ikonen Tribut zollt. Schock-Rock-Pionier Alice Cooper, Aerosmith-Gitarrist Joe Perry und Johnny Depp nahmen 2015 das Album "Hollywood Vampires" mit drei Eigenkompositionen und Songs von The Who, The Doors, Led Zeppelin, Jimi Hendrix Experience, Small Faces und Plastic Ono Band auf. Sprich Lieder von Legenden mit tragischen Abgängen: Keith Moon, Jim Morrison, John Bonham, Jimi Hendrix, Jimmy McCulloch und Steve Marriott und John Lennon.

Johnny Depp beglückt die Damen

Im ausverkauften Stadtpark erweitern Cooper, Depp, Perry und ihre Band das Programm um die neuen eigenen Lieder "I Want My Now," "The Boogieman Surprise" und "Bushwackers", Klassikern von Alice Cooper und Aerosmith und weitere Coverversionen. "The Jack" erinnert an AC/DCs Bon Scott und den im November 2017 gestorbenen "Malcolm Young", "Ace Of Spades" (gesungen von Bassist Chris Wyse) an Motörheads Lemmy Kilmister, Phil Taylor und Eddie Clarke und "Heroes" an David Bowie.

Bei "Heroes" und "People Who Died" (The Jim Caroll Band) geht Johnny Depp zur hörbaren Freude der anwesenden Damen unter den 4000 Besuchern ans Mikro, und zeigt dem Meer der mitfilmenden Handys, dass er an den Saiten besser aufgehoben ist. Schließlich schloss er sich schon als Teenager tagelang mit seiner Gitarre ein und spielte mit seiner ersten Band The Kids im Vorprogramm der Talking Heads.

"School's Out/Another Brick In The Wall" als Zugabe

Die alte Schule von Sex, Drugs & Rock'n'Roll, sie feiert unter den sonnenbebrillten Augen von Udo Lindenberg im Stadtpark eine Auferstehung mit "Sweet Emotion", erdigem Sound (etwas zu leise für drei Gitarren), leichtem Regen und Hollywood-Glamour, gelebter Popgeschichte und überlebten Exzessen. Bekanntlich entstanden die Hollywood Vampires durch die gleichnamige Säufer-Geheimloge, die Alice Cooper 1970 in der Rainbow Bar in Los Angeles gegründet hatte.

Einige Ur-Mitglieder wie Keith Moon oder Harry Nilsson sind nicht mehr unter uns, aber Ringo Starr lebt noch. Er hätte gut am Schlagzeug sitzen können bei der Zugabe "School's Out/Another Brick In The Wall". Aber Ringo hat seine eigene All-Starr Band, mit der er am 10. Juni im Stadtpark spielt.

Hollywood-Star Depp im Stadtpark:
Oh Johnny, was ist denn mit dir passiert?

vom Janina Heinemann, Hamburger Morgenpost vom 04.06.2018

Wenn drei Megastars in einer Supergroup in den Stadtpark kommen, ist klar, dass sich Hamburger nicht von Nieselregen abschrecken lassen. So feierten Sonnabend Tausende Alice Cooper (70), Joe Perry (67) und Johnny Depp (54) mit ihrer Hardrock-Formation Hollywood Vampires.

Als Vorband heizen die Glamrocker The Darkness mit energiegeladenen Rock-Brettern und jeder Menge Witz (Sänger Justin Hawkins ist der geborene Entertainer) ein – eine geeignetere Band für diese Aufgabe gibt es nicht.

Das Publikum ist also schon ist bester Stimmung, als Cooper, Perry und Depp auf die Bühne springen. Mit ihren zerfetzten Klamotten, den dunkel geschminkten Augen und ihrem Kettenbehang wirken sie wie die Reinkarnation des 70er-Jahre-Rocks – wobei Cooper und Perry einfach in der Zeit stehen geblieben sind.

Obwohl drei Alphatiere auf der Bühne stehen, harmonieren sie perfekt miteinander, nehmen sich zurück, gönnen den jeweils anderen ihre Soloparts. Angenehm. Cooper, der „Fürst der Finsternis“, schwingt sein Zepter (einen Tambourstab),, singt mit seiner rauen Kratzstimme Song um Song – sein Alter merkt man ihm gar nicht an.

Perry und Depp spielen sich Soli zu, wobei Perry seine Finger wie ein Wahnsinniger auf den Saiten tanzen lässt, während Depp neben der Spur zu sein scheint. Er schmeißt lieber Dutzende Plektren ins Publikum, winkt statt zu spielen, hat bei einem Song die falsche Gitarre um den Hals hängen und muss von Cooper, als dieser die Band vorstellen will, erst aus dem Backstagebereich geholt werden.

Schade, denn eigentlich ist Depp ein fantastischer Gitarrenspieler mit viel Finesse. Trotzdem grölen alle lauthals mit, als die Vampires zur Zugabe „School’s Out“ anstimmen.

Hollywood-Glamour: Johnny Depp zum Tourauftakt im Stadtpark

von Nadine Wenzlick, shz.de vom 03.06.2018

Gut möglich, dass Alex der größte Johnny-Depp-Fan der Welt ist. Mit zehn Tätowierungen hat sie ihre Liebe zu dem Hollywood-Schauspieler auf dem eigenen Körper verewigen lassen: Ein Abbild von Captain Jack Sparrow auf dem linken, Johnny Depps Unterschrift auf dem rechten Unterarm, dazu das Logo seiner Band Hollywood Vampires auf ihrer Wade. Für deren Konzert ist die Griechin extra aus ihrer Wahlheimat London angereist. Am Nachmittag war sie schon beim „Meet & Greet“. 1200 Euro hat der Spaß gekostet, die Investition habe sich aber gelohnt. „Es ist halt Johnny Depp!“, lächelt sie.

Man kann es nicht anders sagen: Es liegt zweifellos ein Hauch Hollywood-Glamour in der Luft, als die Hollywood Vampires am Sonnabendabend im seit Monaten ausverkauften Stadtpark auftreten. Neben Johnny Depp besteht die All-Star-Band aus Schock-Rocker Alice Cooper und Aerosmith-Gitarrist Joe Perry. Ihr Name geht zurück auf den Celebrity-Saufclub, den Cooper in den Siebzigern in Los Angeles mit Kollegen wie Jimi Hendrix, John Lennon und Jim Morrison gegründet hatte. Als Hommage an sie und andere verstorbene Rockstars veröffentlichten die Hollywood Vampires 2015 ihr selbstbetiteltes Album, das neben drei Eigenkompositionen eben Songs von Künstlern wie Hendrix, den Beatles und The Doors enthielt.

Auch in Hamburg zollen die Hollywood Vampires all jenen Rock-Ikonen Tribut, die nicht mehr unter uns weilen: In Gedenken an Bon Scott gibt es den AC/DC-Song „The Jack“, für Jim Morrison ein Medley aus den beiden The-Doors-Stücken „Five To One“ und „Break On Through (To The Other Side)“, für Lemmy Kilmister den Motörhead-Klassiker „Ace Of Spades“. Dazu streuen sie Hits von Alice Cooper und Aerosmith ein. Begleitet werden Depp, Cooper und Perry von vier weiteren Live-Musikern – eine Karaoke-Show auf verdammt hohem Niveau.

Auch Johnny Depp, neuerdings mit Irokesen-Frisur, macht seine Sache an der Gitarre wirklich gut. Bekannt ist der 54-Jährige für seine Rollen in Filmen wie „Edward mit den Scherenhänden“ oder „Fluch der Karibik“, doch eine Leidenschaft für die Musik hatte er schon immer: In den Neunzigern spielte er in einer Band namens P, hatte später Gastauftritte mit Oasis und Marilyn Manson und ist auch auf den Soundtracks seiner Filme „Chocolat“ und „Once Upon A Time in Mexico“ zu hören.

Zur Freude von Alex und vielen weiteren Damen, die den Stadtpark kurzzeitig in ein Kamerameer verwandeln, darf er bei zwei Songs sogar ans Mikrofon: „People Who Died“ von der Jim Caroll Band und „Heroes“ von David Bowie – ein wirklich schöner Moment. Es war zuletzt ja immer wieder zu lesen, wie schlecht Depp aussehe, doch an diesem Abend wirkt er höchst zufrieden, stolziert am Bühnenrand auf und ab, winkt lächelnd ins Publikum.

Wegen des Geldes ist er ganz sicher nicht hier – genau wie seine Mitstreiter. Hier geht es um den Spaß an der Sache. Ihr neues Album sei bereits in Arbeit, verrät Alice Cooper. Als Vorgeschmack gibt es die neuen Stücke „I Want My Now“, „The Boogiman Surprise“ und das Country-inspirierte „Bushwackers“. Für die Cover-Version von Tiny Bradshaws „Train Kept A-Rollin’“ bittet die Band schließlich noch einen ganz besonderen Gast auf die Bühne: Rudolf Schenker von den Scorpions. Vier Gitarren schrammeln um die Wette, es ist das reinste Mucker-Fest. „Wir sehen uns nächstes Jahr“, verspricht Cooper zum Abschied. Sehr gerne.

Danke, Rainer!

The Australian Pink Floyd Show

Time – 30 Years Of Celebrating Pink Floyd

10.04.2018, Hamburg, Barclaycard Arena

Sobald bei uns auf der Terasse am Platz 1 das Thema „Konzerte“ zur Sprache kam, hat mir unser Rainer jahrelang immer wieder von dieser „sensationellen Australian Pink Floyd-Show“ vorgeschwärmt.

Als er (nicht nur) mich dann mit „Easy Livin'“ überraschte und sich nur wenig später die Australian Pink Floyd-Show in der Barclaycard-Arena ankündigte… da war das sozusagen eine Verpflichtung.

Na gut, eine Cover-Band in dieser großen Halle? Kann das funktionieren? Das fragten sich offenbar viele Hamburger und beantworteten dies für sich mit „Nein“! Die Halle war definitiv nicht voll, die oberen Hänge abgehängt und auch die sichtbaren Sitzreihen wiesen deutliche Lücken auf. Der Innenraum war voll bestuhlt und gut besetzt.

Das Publikum? Die letzten verbliebenen Rockfans, nicht immer leicht zu erkennen, neben vielen Kulturtouristen („Hinsetzen, ich kann nichts sehen!“) und Jungerwachsenen. Vermutlich der Nachwuchs der Erstgenannten, die endlich einmal hören und sehen wollten, was ihre Eltern da immer sooo toll fanden.

Und damit sind wir bei der Band: The Australian Pink Floyd Show versucht seit 1988, gealterten Pink-Floyd-Fans einen möglichst werktreu kopierten Konzert-Ersatz für das lange schon nicht mehr existente Original zu liefern. Während viele Cover-Bands dazu neigen, auch die Show und die Musiker zu kopieren (siehe The Musical-Box), legen die Aussies ihren Schwerpunkt eindeutig auf die Musik. Die bombastische Show (Videowand, Laser  aufblasbare Figuren…) lehnt sich mit ihren Elementen immer an Pink Floyd an, hat aber durchaus eigene Elemente!

Die Fanreaktionen sind dabei durchaus gespalten, die Kritiker hingegen haben die Band und die Show weltweit mehrfach ausgezeichnet.

Als dann die Lichter pünktlich um 20:00 Uhr erlöschen und das etwas düster und sphärische „Obscured By Clouds“ einsetzt, da entsteht für mich das einzige Mal an diesem Abend der Eindruck, hier würden tatsächlich die Könige des Prog-Rock wieder auferstanden sein. Die Band steht hinter einen weißen Vorhang, auf dem durch wechselnde Schweinwerferpositionen nur die Schattenbilder der Musiker zu sehen sind. Als dieser Vorhang schließlich fällt, ist diese Illusion dann auch vorbei.

Die Musik und (insbesondere) der Sound sind nahezu perfekt! Das ist wirklich unglaublich gut.

 

Die Musiker sind immer dann besonders gut, wenn sie nah am Original bleiben. Sobald es „kreativ“ wird… aber das ist vielleicht auch Geschmacksache?

„One Of These Days“ ist an diesem Abend für mich so ein Beispiel, wo etwas zu viel „gegniddelt“ wird. Vielleicht lag es aber auch am Riesenkänguru?

Die Auswahl der Songs geht querbeet durch alle Alben und Phasen der Band und trifft nach meiner Beobachtung nicht immer den Geschmack des Publikums.

Als nach der Pause (ja, nach einer Stunde folgte eine 20minütige Pause!) sogar „See Emily Play“ aus dem Jahr 1967 gespielt wurde, konnten die „späten“ Pink Floyd-Fans damit gar nichts anfangen. Es soll ja immer noch Fans geben, die kennen nur „The Wall“!

Daher gibt es bei den bekannteren Stücken auch keine Mißverständnisse, „Fat Old Sun“ und „Sorrow“ bremsten die Euphorie jedoch etwas.

Euphorie ist auch so ein Stichwort. Während der weitaus überwiegende Teil des Publikums mehr dem Klang frönte, schienen vereinzelte Fans im Publikum richtig auszurasten. Wenn sich in den freundlichen Applaus so vereinzelt ekstatische Jubelschreie mischen… das fällt dann doch auf.

Aber ich will diesen Abend nicht schlecht reden. Das Konzert hat wirklich Spaß gemacht und die Band hat sicher viel mehr Zuschauer verdient. Mit einer realen Spielzeit von knapp zwei Stunden bekamen die Fans auch einen ordentlichen Gegenwert

Es war meiner Meinung nach auch keine tumbe Cover-Band, der selbstgewählte Begriff einer Tribute-Band trifft die Sache viel mehr.

Und daher war Rainers Begeisterung nicht nur verständlich sondern auch absolut berechtigt!

Hier zum Schluss die Setlist:

  • Obscured by Clouds
  • When You’re In
  • In the Flesh?
  • Shine On You Crazy Diamond (Parts I-V)
  • Shine On You Crazy Diamond (Parts VI-IX)
  • Young Lust
  • The Great Gig in the Sky
  • Us and Them
  • The Happiest Days of Our Lives
  • Another Brick in the Wall Part 2

Pause

  • See Emily Play
  • Pigs (Three Different Ones)
  • Wish You Were Here
  • Fat Old Sun
  • Sorrow
  • One of These Days
  • Run Like Hell

Zugabe:

  • Time
  • Breathe (Reprise)
  • Comfortably Numb

Und wenn ich überhaupt etwas zu bemängeln hätte… ich hätte so gern „Money“ gehört. Vielleicht beim nächsten Mal? Wer nicht so lange warten möchte, hier als kleiner „Vorgeschmack“ ein Konzert der „Eclipsed By The Moon“-Tour!

T.Rex – The Slider (Audiophile Reissue) (p) 1972

Liegt es am eigenen Alter, liegt es an der oft unsäglichen (weil immer gleichen) Musik im Mainstream-Radio oder am immer noch winterlichen Wetter?

Egal welches der Grund gewesen sein mag: nach gefühlt ewiger Zeit kopierte ich mir neulich wieder ein paar T.Rex-Songs auf meine SD-Karte, um mir auf dem Weg zur Arbeit die Zeit im Stau zu vertreiben. Und während ich mit „Children Of The Revolution“ über die Landstraße zockel, gehe ich im Kopf meine LPs von T.Rex und ihrem Mastermind Marc Bolan durch. Angefangen bei „My People Were Fair…“ (1968 noch als Tyrannosaurus Rex!) bis „Electric Warrior“ über „Tanx” zu “Dandy In The Underworld”.

Aber fehlt da nicht eine LP? Am Nachmittag knie ich vor dem Regal, suche… und finde nichts!

Es fehlt doch tatsächlich „The Slider“, das dritte Album der Glam-Rock-Ikonen (sofern man die Tyrannosaurus Rex-Alben aussen vor lässt!)!

Das ist dann der Moment, in dem ich Amazon liebe. Auf dem Smartphone kurz nachgeschaut und tatsächlich gibt es die Vinyl-Ausgabe für 17,99€.

Und am nächsten Tag halte ich das “Audiophile reissue on 180 gram heavyweight vinyl remastered specially for the 40th Anniversary box set by Tony Visconti”-Album in den Händen.

Diese Platte wurde urspünglich für eine auf 2000 Stück limitierte Jubiläumsbox produziert, ist jetzt (März 2018) auch separat bei Amazon erhältlich. Dort soll die erwähnte Jubiläumsbox 259,-€ kosten!

Während ich behutsam die Folie entferne, erinnere ich mich an die ersten Gerüchte, die ich (vor 47 Jahren!) in der Schule über diese „Wahnsinnsgruppe“ mit dem Sauriernamen auffing! In unserer Schülerzeitung gab es sogar einen Artikel, mit dem der Autor beweisen wollte, dass Marc Bolan der legitime Nachfolger von Elvis sei! Und die schwarze Hülle meiner „Hot Love“-Single weist noch immer die Knickspuren auf, mit der ich sie 1972 in meine Jeans-Jacke gesteckt hatte: T.Rex hatten sich in Hamburg (Mönckebergstraße, „Die Schallplatte“) zur Autogrammstunde angesagt. Ich und hunderte von Fans standen dort am Eingang zur Spitalerstrasse… nur T.Rex kamen nicht.

Aber ich schweife ab, mittlerweile dreht sich „The Slider“ auf dem Thorens und genau da passiert es wieder: „Metal Guru“ schiebt den „Gute Laune“-Regler sofort auf Anschlag. Die Finger trommeln den Takt und unwillkürlich summe ich den Riff mit. Und dann geht es Schlag auf Schlag weiter. Mal sanft und schmeichelnd („Mystic Lady“), im typischen Bolan-Boogie-Sound („Rock On“), als grandioser Titelsong („The Slider“) oder als harter Gitarrensound („Buick Mackane“).

Und schon ist die erste Seite zu Ende und die Mechanik des Thorens klackt leise. Also die Scheibe umgedreht und weiter geht es mit „Telegram Sam“, die erste Singleauskopplung dieses Albums (Nr.1 in GB, Nr.4 in D).

Ist es Ausdruck von cleverem Marketing oder von Bolans Selbstbewußtsein, gleich die Singlesauskopplungen an den Anfang der beiden Seiten zu legen? Wer nur die Hits hören wollte, konnte danach die Platte wenden und musste nicht vorsichtig mit dem Lift zur richtigen Stelle „schweben“ (Vinyl-Fans wissen was gemeint ist?).

Wer die Platte jedoch so gehört hat, dem entgingen der Engtanzklassiker „Rabbit Fighter“, das mittlerweile vielfach gesamplete „Baby Strange“, das zärtliche „Ballrooms Of Mars“ oder sogar die Glam-Rock-Parodie von „Whole Lotta Love“! Hört euch einmal genau den Anfang von „Chariot Choogle“ an.

Insgesamt wurde der Schieberegler („The Slider“) in dieser Produktion viel weiter aufgerissen, als noch bei dem Vorgänger „Electric Warrior“. Schlagzeug und Gitarre wirken viel härter und insbesondere Marc Bolan zeigt hier ein paar wirklich bemerkenswerte Gitarrenläufe.

„The Slider“ ist damit eines der bedeutendsten Glam Rock Alben der 70er-Jahre.

Das Polaroid-Cover (das Foto übrigens nicht – wie auf dem Cover vermerkt – von Ringo Starr, sondern von Tony Visconti…) ist nach wie vor ein Blickfang. Undeutlich und etwas verschwommen, ein Lockenkopf mit übergroßem Zylinder, präsentiert es optisch genau die Welt von Marc Bolan.

Mit „The Slider“ hatten Marc Bolan und T.Rex  den Höhepunkt ihres Schaffens erreicht, was zum damaligen Zeitpunkt aber niemand ahnen konnte.

Zwischen „Ride a White Swan“ im Oktober 1970 und der LP „Tanx“ von 1973 herrschte „T. Rextasy“: Jede Single wochenlang an der Spitze der europäischen Charts, selbst in den USA konnte T.Rex einen Top-Ten-Hit landen.

Die „ernsthaften“ Kritiker (wer sich noch an die Zeitschrift „Sounds“ erinnert…) konnten mit dieser Musik nichts anfangen.

Daher zum Schluss ein Zitat aus der „Süddeutschen“ :
„…Es stimmt alles, was über sie Schlechtes wie Schlichtes gesagt worden ist, doch hat Marc Bolan im Gegensatz zu zahllosen anderen Teenie-Bands ein paar Songs geschrieben, die durch Zeit und Kritik unkaputtbar sind. Selbst von T.Rex selbst. „Ride a White Swan“, „Jeepster“, „Hot Love“, „Get It On“, „Children of the Revolution“, „Cosmic Dancer“. Die Summe der nichtigen Einzelteile – der Gesang mit seinem hysterischen Vibrato, dieses dumpfe Donnern der Gitarrenriffs, dieses Herzschlagpochen der Congas, der Bierzelt-Rhythmus, den der Bass dauernd spielt – all das vereint sich in diesem halben Dutzend Lieder zu einer Art Premium-Schund, etwas, das auch nach drei Jahrzehnten eine vorbewusste Gültigkeit besitzt….“

Und ich drehe die Platte wieder um und drehe die Regler auf…. „Metal Guru“

In Blues We Trust – Full Flavour Blended

Zucchero

26.10.2016, Live 2016-Tour, Barclaycard Arena, Hamburg

Nachdem dieses Jahr schon fast vorbei gegangen ist und ich auch in Sachen Live-Musik nicht sehr aktiv war, stand mit Zucchero ein absolutes Highlight auf dem Terminplan.

Ich habe wirklich keine Ahnung, wie man Zucchero nicht kennen kann, aber es gibt offenbar in unserem Stromlinien-Radio keinen Platz mehr für etwas eckigere Sänger. Mit seiner Blues-Gospel-Rock-Mischung ist der, in Italien wie ein Gott verehrte, Sänger weit von den gängigen Italo-Pop-Klischees entfernt. Auch wenn seine Superhit „Senza Una Donna“ eigentlich allen Pop-Fans bekannt sein müsste, so ist Adelmo Fornaciari eher ein Blues-Fanatiker mit Pop-Sensibilität, der außerdem schon Kaliber wie John Lee Hooker, Sting, Eric Clapton, Luciano Pavarotti, U2, The Scorpions oder Ray Charles auf seinen Alben versammelte.

Die Barclaycard-Arena war nicht ganz ausverkauft und die oberen Seitenränge sogar abgehängt, als wir von der netten Platzanweiserin zu unseren Plätzen geführt wurden. Das war auch mal wieder eine neue Erfahrung… Platzanweiser in einem Rock-Konzert!

So saßen wir dann altersgerecht (:-)) in mitten eines sehr gemischten Publikums und die Show begann.

Die Bühne beherrschte ein hallenhohes Herz inclusive Videowand, links stand eine Highway-Werbetafel, rechts ein Western-Förderturm auf dem die Bläsersektion saß. Insgesamt hatte Zucchero dreizehn Musiker und Musikerinnen mitgebracht. Um es vorweg zu nehmen: alle waren unglaublich gut! Da saß jeder Akkord, alle Einsätze kamen auf den Punkt und es machte unglaublich Spaß, dieser Band von Ausnahmemusikern zu zuhören!

Brian Auger:
Britischer Rockorganist, einer der bedeutendsten Fusionorganisten der populären Musik.

Ganz links außen saß zum Beispiel ein älterer Herr an der Hammond-Orgel, der mich irgendwie an Brian Auger erinnerte… und siehe da: Zucchero stellte ihn im Laufe des Abends als seinen „special friend“ Brian Auger vor! Und was Mr. Auger mit seinen 77 Jahren aus der Hammond raushaute… Respekt! Dann war da noch die Drummerin der Prince-Band, Queen Cora Dunham und nicht zu vergessen Tonya Boyd-Cannon: die amerikanische Vollblutmusikerin war der Hammer! Eine Stimme, die durch Mark und Bein gehen kann und dann wieder schnurrt wie ein Kätzchen. An den Keyboards eine Macht (Solo-Nummer „Rock Me Baby“) und angeblich spielt die ehemalige Gefängniswärterin (!) und „The Voice“-Teilnehmerin (USA) auch noch Saxophon.

Das Konzert war in drei Teile („Chapter 1-3“) unterteilt. Im ersten Teil wurde das aktuelle Album „Black Cat“ durchgespielt, einmal komplett vom ersten bis zum elften Titel. Ich gebe es zu, das musste ich auch erst einmal nachlesen. Ich kannte das Album noch gar nicht, trotzdem kam dieser Teil der Show sehr gut an, denn die Songs funktionieren einfach gut. Aktuell (während ich dies schreibe…) dröhnt „Partigiano Reggiano“ durch die Boxen (dank Amazon!) und die Bilder des Konzertes tauchen sofort im Gedächtnis auf, genial!

Im zweiten Teil gab es eine bunte Mischung von Songs, die vermutlich zu den Favoriten Zuccheros zählen. Darunter auch „Un Soffio Caldo“ von „Chocabeck“ mit englischer Übersetzung auf der Videowand und das klassische „Miserere“, bei dem der unvergleichliche Pavarotti via Großbildleinwand aus dem Gesangs-Himmel zugeschaltet wird.

Und schließlich folgte im dritten Teil dann das „Best Of Zucchero“: alle noch fehlenden Hits und endlich durfte auch durchgehend getanzt werden. Wenn es nach Zucchero gegangen wäre, hätten die Zuschauer womöglich ständig stehen und klatschen oder sonst wie mitgehen dürfen. Der 61jährige wirkte auf mich wesentlich lebendiger als viele der Zuschauer, die dann doch immer wieder auf die Stühle zurücksanken. Vielleicht lag es auch an der Dauer des Konzertes? Nach echten zweieinhalb Stunden Spielzeit (wenn auch durch die Solos von Brian Auger und Tonya Boyd-Cannon etwas gestreckt) mussten einige Zuschauer hin und wieder eine kurze Pause einlegen.

Spaß ohne Ende

Ein Fazit erübrigt sich nach diesem Text eigentlich! Es war ein wirklich tolles Konzert, das mir erneut bewiesen hat: es gibt Musik außerhalb der üblichen Schubladen. Es war kein reines Rock- und auch kein verkniffenes Blues-Konzert. Und mit der üblichen Popmusik hatte es eigentlich auch nichts zu tun. Es war einfach tolle Musik von großartigen Musikern vor einer fantasievollen Kulisse!

Davon kann es nie genug geben!

The Party Is Over

Pressestimmen

Fast neutral!

Wir haben einen Vollblut-Italiener zum Zucchero-Konzert geschickt

(Quelle: www.mopo.de)

Zucchero, der wohl bekannteste italienische Blues-Barde, ist in seiner Heimat ein Held. Der Sänger, Baujahr 1955, arbeitete mit Brian May, Sting, Macy Gray und Bono zusammen. Er spielte im Moskauer Kreml und der Royal Albert Hall. Am Dienstag trat Zucchero in Hamburg auf. Wir haben unseren einzigen italienischen Reporter hingeschickt. Der knüppelharte Arbeitsauftrag für unseren Vollblut-Italiener: Schreibe einen neutralen Text. Das ist das Ergebnis:

Ich kneife die Augen noch einmal zusammen, kann es selbst kaum glauben: Adelmo Fornaciari alias Zucchero ist in Hamburg und gerade im Begriff, die Barclaycard Arena zu rocken. Mit klopfendem Herzen verfolge ich jeden einzelnen Schritt des italienischen Blues-Meisters. Eine lebende Ikone, einer der größten Pop-Artisten überhaupt.

Lässig, mit Jeans und Turnschuhen tritt er auf die Bühne, lässt seine Melodien für ihn sprechen. Er weiß genau, wie das geht. Bereits im Sommer begeisterte er mit seiner neuen Platte „Black Cat“ die italienische Halbinsel: Mehr als 115.000 Zuschauer strömten für seine elf Konzerte in die „Arena di Verona“, da wo dieser Bürger von Welt wirklich heimisch ist. Seit dem 1. Oktober reist er durch Europa für seine „Black Cat World Tour“. Nach Stuttgart und Oberhausen war nun Hamburg als dritte deutsche Etappe an der Reihe.

Zucchero hat musikalische Generationen geprägt und verbunden. Einer dieser Sänger, die man sich gemeinsam mit Papa und Opa anhört. Wie gerne wäre ich 1994 in Woodstock dabei gewesen, als er dort live spielte und die Welt noch einmal auf seine Art rockte. Dafür ist der Hamburger Auftritt ein mehr als befriedigender Trost! Er ist zeit- und grenzenlos, gerade weil er in seiner künstlerischen Vermischung von Blues und Italo-Lebensgefühl einzigartig ist. Seine raue Stimme steht für kulturelle Vielfalt, erweckt aber gleichzeitig Zugehörigkeitsgefühle. Kein Zufall, dass er der erste abendländische Sänger war, der nach dem Fall der Mauer am Moskauer Kreml auftrat.

„Black Cat“ ist mal wieder ein Meisterwerk: Ein tiefsinniges Album, das Zuccheros musikalische Poetik zusammenfasst. Ein Mix aus Rythm & Blues, Rock, Gospel und Balladen. Von peppigen Tracks wie „Partigiano reggiano“ und „13 buone ragioni“ zu den sanften Melodien von „Ci si arrende“ und „Hey Lord“, werden Themen wie Liebe und Beziehungen, Nachkriegszeit und Migration mit einer beeindruckenden Leichtigkeit behandelt. Auch ohne die auf die Bataclan-Tragödie anspielende Ballade „Streets Of Surrender“, die von U2-Frontmann Bono geschrieben wurde, mangelte es also nicht an emotionalen Momenten. Den Erdbeben-Opfern in Mittelitalien wurde außerdem das Lied „Il suono della domenica“ gewidmet. Das Stück, ausnahmsweise mit englischen Untertiteln begleitet, sorgte inhaltlich und musikalisch für Gänsehaut pur auf den Tribünen.

Flott verwandelt sich die Rührung in tanzbesessenen Enthusiasmus, sobald die Glanznummern angekündigt werden: Purer Nervenkitzel, eine bombastische Kombi aus alten Klassikern wie „Baila“, „Diavolo in me“, „Senza una donna (Without a woman)“ und neuen Hits. Nicht zuletzt durch die geschickten Hände von Brian Auger (Hammond), die Power-Stimme von Tonya Boyd-Cannon und den Rest der Band wurden sogar die wenigen Lücken zu Solo-Shows der Extraklasse.

Zucchero macht mich stolz, Italiener zu sein, weil er sich zum Symbol und Vertreter eines musikalischen Vermögens erhebt, das was Konkretes zu sagen hat. Seine Botschaften dringen bis ins Herz und tief in die Seele der Menschen durch, ganz unabhängig von Herkunft und Konfession. Er kommuniziert auf einer ganz anderen Ebene, in einer universellen Sprache, die den Träumen Flügel verleiht.

Eine unschlagbare Stimmung dominierte das knapp dreistündige Fest in der gut gefüllten Arena komplett. Das war Italien pur mit einem Hauch von Black. Und am Ende hallten in der Arena magische, hoffnungsvolle Worte wider: „In blues we trust. Blues never dies.“

Ciao Zucchero, a presto!*

*Tschüs, Zucchero, bis bald!

Zucchero – nicht ohne „una donna

(Quelle: Jens Dirksen, Der Westen, WAZ.de vom 25.10.2016)

Mit Riesen-Band und Film-Pavarotti spielte Zucchero zum Auftakt seiner Deutschland-Tour vor 5000 Fans in Oberhausen.

Wer die italienische Gemeinde der Gegend möglichst vollständig versammeln möchte, holt sich am besten Zucchero auf die Bühne. Also waren sie am Montagabend zuverlässig da, in der bestuhlten Arena „Ober’ausen“, die Ragazzi und die Schönen, die am liebsten auf „Bella“ hören, über 5000 an der Zahl. Und als Adelmo Fornaciari um viertel vor elf seinen Steampunk-Hut auf den Mikrofonständer hängt, da war dieser Auftakt seiner Deutschland-Tournee bis hin zum unvermeidbaren „Senza una donna“ doch noch rund geworden.
Brian Auger an der Hammondorgel

Begonnen hatte es mit einem dicken Brocken: Zucchero und seine zwölf(!)köpfige Band spielten einmal komplett das neue Album „Black Cat“ vom ersten bis zum elften Titel durch. Das ging gut, obwohl so ein Live-Abend ja eigentlich dazu dient, Vertrautes in neuer Mischung zu hören – eher nach dem Juke-Box-Prinzip als im Plattenspielermodus. Aber „Black Cat“ ist kraftvoll und abwechslungsprall genug für eine 45-Minuten-Live-Fassung. Und die amerikanisch-kubanisch-italienisch-britische Combo, die sich der 61-jährige Zucchero da zusammengestellt hat, arbeitet mit traumhafter Geschmeidigkeit, von der Hammondorgel-Legende Brian Auger (77) bis zum Stimmschwergewicht Tonya Boyd-Cannon. Nur der Sound, der manchem zu laut vorgekommen sein wird, dürfte für ein größeres Publikum gedacht gewesen sein, für etwas größere Arenen.

Italiens amtierender Blues-König, der im Alter auch gestisch immer größeren Ehrgeiz beim Joe-Cocker-Ähnlichkeitswettbewerb entwickelt, hat sich für seine Auftritte zwischen der Arena von Verona (elfmal hintereinander) und den bulgarischen Nationalpalast in Sofia eine Freakshow-Bühne mit einem hallenhohen Herz in der Mitte bauen lassen, links eine abgerockte Destillerie-Werbetafel, rechts ein Western-Förderturm, auf dem die drei vom Turbo-Gebläse (inklusive Tuba!) ihre Gerätschaften schwenken. Das Schlagzeug ist doppelt besetzt (u.a. mit Queen Cora Dunham aus der Prince-Band), die Gitarre, sobald Zucchero selbst auch noch dazu greift, vierfach. Der Devise „bloß nicht zu wenig“ folgt erst recht das „Miserere“, bei dem der unvergleichliche Pavarotti via Großbildleinwand aus dem Gesangs-Himmel zugeschaltet wird.
Der Zausel und die Melancholie

Das letzte der drei „Kapitel“ an diesem Abend ist eine Art „Best of“, mit einem der besten Zuccheros, die je zu besichtigen waren, quirlig gut mit „X colpa di chi“, herzschlagwarm mit „My baby“. Gesungen von einem Typen aus einem anderen Jahrhundert, als Rockstars noch zottelige Zausel sein durften und die Hoffnung lebte, der Blues werde eines Tages die ganze Menschheit zusammenschweißen. Die süße Melancholie, die Zuccheros Konzerte verströmen, ist ein beinahe wehmütiges Echo dieser Zeit.

Blues, Rock und Italo-Hits mit Zucchero

(Quelle: Ruhrnachrichten.de)

Irgendwie kann er alles und macht er alles: Ob Blues, Rock oder Gospel - Italienisch, Englisch oder Spanisch. Zucchero hat sein Publikum in Oberhausen am Montag mal mit ruhigen und rauen Klängen und dann wiederum mit rhythmischen Songs begeistert.

"In Blues we trust - full flavour blended" lautet das Credo von Adelmo Fornaciari, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Zucchero. Seit seinem jüngsten Album "Black Cat", ein Slang-Ausdruck für schwarze Musiker, denen er stimmlich und seelisch eng verbunden ist, hat der 61-jährige Sänger, Musiker und Komponist, der erfolgreichste italienische Pop-Star weltweit, wieder zu seinen alten Blues-Wurzeln zurückgefunden.

Zwischenzeitlich hatte er sich einige Jahre in Deutschland rar gemacht und statt dessen mit "La sesión cubana" den lang gehegten Traum, Latino-Klassiker auf Kuba mit dortigen Musikern neu einzuspielen, wahr werden lassen. In der Oberhausener König-Pilsener Arena riss er mit seiner urwüchsigen Mischung aus Rock, Blues Soul und Gospel seine mehr als 5000 begeistert mitgehenden Fans immer wieder von ihren Plätzen.
Er kann düster und detailreich

Mit "Partigiano reggiano" legt er temperamentvoll los, seine 13-köpfige Band, mit mehreren Gitarren, darunter auch Pedal Steel, drei Bläsern, Keyboard, Orgel, Geige sowie einem Schlagzeuger und einer Schlagzeugerin stärkt ihm musikalisch den Rücken. Nein, hier wird der Blues nicht Opfer barocker Opulenz, Zucchero erweist sich allerdings als ein Musiker, dem Details wichtig sind.

"Ti voglio sposare" rockt als wolle sich "Sugar" ein Rennen mit Bruce Springsteen liefern. Bei dem düsteren "Ten More Days", bei dem er singt wie ein Voodoo-Priester, und "Hey Lord", einem Working Blues, der später zum Gospelduett mutiert, sowie später noch bei "Love Again" wechselt er problemlos ins Englische.
Am Ende wird mitgeklatscht

Doch auch im eher romantisch ins Ohr gehenden Italienisch schafft er es, die Gefühlswelt des Blues aus vergeblichem Liebeswerben, zerbrochenen Liebesbeziehungen sowie Niedergeschlagenheit wegen zuwenig Geld oder zuviel Alkohol authentisch in Klänge zu fassen. Dreh- und Angelpunkt ist und bleibt jedoch seine raue Stimme, wegen der er schon vielfach mit Joe Cocker, zumal auch er gerne Luftgitarre spielt, verglichen wurde.

"Stand up and dance - vamos" fordert Zucchero zu Beginn des zweiten Konzertteils auf. Zu "Baila - Sexy Thing" ist dann zumindest rhythmisches Mitklatschen angesagt. Die Stimmung steuert auf den ersten Höhepunkt zu und wo sie am besten ist weiß der umjubelte Zucchero natürlich auch: "Under the luna". Der Blues ist vergessen, fortan sorgen seine Italo-Hits für Partylaune in der Rock-Disco.

 

Rival Sons – Great Western Valkyrie (p) 2014

Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

Genau das war das erste Gefühl, als ich diese Band live als Vorgruppe erleben durfte. Vorgruppen sind ja so eine Sache, häufig genug ein Vorwand ein letztes Mal zu verschwinden… Zigarette für die Raucher, Bier ent- oder besorgen für den Rest der Welt.

Als diese Band an jenem Abend die Bühne enterte führte das bei mir am nächsten Tag zum Spontankauf ihres letzten Albums, natürlich die Vinyl-Version! Wenn eine Band so stilsicher den Hard- & Blues-Rock der 70er leben lässt, dann darf es keine CD sein.

Dann drehte sich die Platte auf dem Teller, und bei mir schlich sich ein Gefühl von „Kenn-ich-schon-,-das-sind-doch…“ ein. Und tatsächlich, auf der Platte, noch viel deutlicher als im Konzert, glaubt man als Fan der 70er viele bekannte Wendungen herauszuhören. Dieses Gefühl wird durch die Produktion verstärkt: rauh, leicht übersteuert und am besten gaaanz laut hören.

Aber ich hab die Truppe live gesehen und ich könnte, nein ich schwöre: das ist echt, das ist keine typische Retro-Band. Wer erinnert sich noch an der Erstling von Kingdom Come? Ein 1:1 LedZep-Plagiat und trotzdem witzig. Diese Scheibe („Great Western Valkyrie“) hat hingegen dermaßen viele neue Songs zu bieten, das derjenige, der mit dem Gedanken spielt, sich beispielsweise die 51. Neuauflage eines bereits 50-fach in seinem Besitz befindlichen Deep Purple-Live-Albums anzuschaffen, dieses Geld lieber in „Great Western Valkyrie“ investieren muß!!

Wenn Jay Buchanan in „Electric Man“ von seinem Cadillac und dem Girl singt, dann bohrt sich dieser Refrain in der Kopf. Das Gitarrenintro von Scott Holiday in „Play The Fool“ stammt definitiv von LedZep, aber spätestens im Refain haben sie Dich. Und dann kommt „Good Things“… boooaaa eeyyyh! Sommerabend auf der Veranda, das eiskalte Bier in der Hand und genieße das Leben! Es kommt wie es kommt:

Good things will happen
Bad things will happen, too
Sometimes its someone down the road
Sometimes its somebody next to you
Enjoy it right now
Because you never know
When its gonna end
Enjoy it right now
Because you never know
When its gonna end

Der Song hat das Zeug zu einem All-Time-Greatest! Und bevor ich jetzt auch noch die anderen Songs durchgehe, mein dringender Tipp an alle Deep-Purple-Led-Zeppelin-Doors-Free-Fans: holt euch diese Scheibe bevor es zu spät ist! Es werden nicht mehr viele neue Bands kommen, die diese Musik so leben wie die Rival Sons. Wer schon einmal Jay Buchanan auf der Bühne gesehen hat, der weiß was ich meine!

„Rival Sons – Great Western Valkyrie teleportiert die 70s ins Jahr 2014. Die Rival Sons verfeinern sämtliche ihrer Trademarks, riskieren eine Schippe Psychedelik im schweren Bluesrockgemisch und bekräftigen: die Geschichte des (traditionellen) Rock ist noch lange nicht zu Ende geschrieben.“ (www.laut.de)

 

 

Eine Band, „die vooooll abgeht!!“

Biffy Clyro

02.12.2013: Opposite-Tour 2013, Sporthalle Hamburg

Als ich das erste Mal von dieser „waaahnsinnig tollen Band“ hörte, bei der es „vooooll abgeht!!“, war mein erste Gedanke „Biffy wer?“.

Ich hatte bis vor kurzem noch nie etwas von denen gehört, es musste sich also um eine Newcomerband handeln.

Weit gefehlt, wie mir ein Blick in Wikipedia bestätigte. Dies schien eine wirklich interessante Band mit einem bereits umfangreichen CD-Katalog zu sein. Ein paar Hörproben in „Revolutions / Live at Wembley“ machten mich vollends neugierig. Als diese Wunderband dann auch noch zum zweiten Mal in diesem Jahr nach Hamburg kam, gab es kein Zögern und ich orderte die Karten.

Also rein in die Alsterdorfer Sporthalle, lassen wir uns überraschen!

Den Auftakt machten Arcane Roots… ääääh, Jungs geht noch mal nach Hause und übt noch ein bisschen. Auch wenn eure Plattenfirma von begeisterten Kritikern schwafelt, die Reaktion des Publikums war gestern eindeutig. Kein richtiger Beifall, kein Mitklatschen, eigentlich nur Sprachlosigkeit. Euer „Experimental-Grunge-Alternative“-Rock riss wirklich niemanden vom Hocker.

Arcane Roots: Tja, das ging völlig an mir vorbei… und nicht nur an mir!!

Dann Walking Papers. Meine ersten Befürchtungen („Geht das etwa so weiter??“) waren schnell verflogen. Hier präsentierte sich eine richtige Rockband, die Songs hatten Struktur, die Musiker eine wirklich gute Bühnenpräsenz und das Publikum endlich Grund zum Mitmachen. Das war wirklich gut. Die Stilelemente, die hier kopiert oder neu definiert wurden, müssen nicht aufgezählt werden. Jeff Angell (voc, g), Barrett Martin (dr), Duff McKagan (bg) und Benjamin Anderson (kb) sind allerdings auch keine Unbekannten, eher eine „Super Group“. Wen es interessiert, einfach mal googlen und am besten einmal ein Ohr auf deren Debüt-CD werfen.

Walking Papers: Von vielem ein bisschen, aber alles gut!

Schließlich der letzte Umbau und um 21:00 Uhr wurde das Publikum langsam ungeduldig. Ach ja, das Publikum…

Ich habe ja schon einige Konzerte erlebt und bei der weit überwiegenden Anzahl hatte jeder Act „sein“ Publikum. Soll heißen: im Foyer wusste man schon ungefähr, welche Art von Konzert hier gespielt wird. Ob David Bowie oder Udo Lindenberg, Nightwish oder Yes, von Deep Purple und Iron Maiden ganz zu schweigen, die Fans zeigten durch Verhalten, Kleidung oder Attitüde ihr Verbundenheit.

Heute sah wirklich alles normal aus! Wenn ich hätte raten sollen, wer gleich die Bühne betritt, Dieter Bohlen oder Andrea Berg wäre echte Kandidaten gewesen. Kein Hinweis auf das, was dann passieren sollte!

Ein kurzer Einspieler „We Are Family“ der Sister Sledge (Ironie?), dann rockte meine „Newcomerband“ los!

Biffy Clyro: Pure Energie

Mit einer Bühnenperformance, als ob kein Morgen gibt; einer Spielfreude, die einem aus jeder Geste, aus jeder Bewegung entgegen sprang und einer Spontaneität, die jede Ansage zu einer Überraschung werden ließ, hatten die drei (bzw. fünf) Schotten das Publikum im Handumdrehen im Griff.

Wenn diese Voraussetzungen schon gegeben waren und eine solche Band auch noch aus perfekten Musikern besteht, deren Songs eine virtuose Mischung zwischen cleveren Rock-Arrangements und großen, hymnischen Refrains bieten, dann gibt es wirklich nur eins:

Long Live Rock’n’Roll!

Simon Neil (g, voc) und James Johnston (bg, voc) im Vordergrund der Bühne sowie Ben Johnston (dr, voc) gaben das Tempo vor. Wenn des Repertoire auch nicht nur aus Vollgas-Bretter bestand, jeder Song wurde intensiv und dynamisch dargeboten, die Lieder wurden wirklich gelebt.

Dieser Bühnenpräsenz konnte man sich kaum entziehen.

Im Hintergrund wurde die Band durch Mike Vennart (g) und Gambler (kb) unterstützt und schuf damit einen musikalisch eindrucksvollen Sound. Leider kam der Mann am Mischpult nicht immer mit, das schmälert das Konzert aber überhaupt nicht.

Meine Favoriten? Ich bin ja noch (?) kein richtiger Biffy Clyro-Fachmann, daher kenne ich die meisten Songs noch nicht namentlich. Mein persönliches Highlight (ich musste erst nachfragen, wie dieser Song hieß!) war jedoch „Living Is A Problem Because Everything Dies“! Diesen Song von der 2007er CD „Puzzle“ muss man wirklich live erlebt haben. Absolut genial!

„The Captain“, „Opposite“ und „Spanish Radio“ sind ebenfalls hängengeblieben. Aber damit werde ich all den anderen Songs nicht gerecht. Für mich gab es heute wirklich keinen Aussetzer. Und das bei einer Band, die ich zu Beginn des Jahres noch gar nicht kannte.

Welche Bildungslücke wurde hier geschlossen 😉

Life is full of small, perfect moments.